Eine
Weihnachtsgeschichte aus Buenos Aires
Ort:
Florida entre Tucumán y Lavalle
Zeit: 5.
Dezember 2002, mittags
In den Hauptrollen:
- bolivianische
Pflanzenverkäuferin
- etwa 5 Polizisten
- etwa 50 Passanten
Den Anfang der
Sache habe ich nicht ganz mitbekommen, nur einen Menschenauflauf
in der Fußgängerzone gesehen. Lautes Rufen und in der
Mitte ein paar Polizisten. Nichts besonderes, sieht man hier häufiger.
Will schon weitergehen, als mich doch die Neugier packt. Ich stehe
ziemlich weit hinten, kann kaum etwas sehen, nur einige übermannshohe
Pflanzen, deren Wipfel sich aufgeregt hin und her bewegen - sieht
lustig aus. Mein Nebenmann steht schon länger dort: Offensichtlich
haben die Polizisten versucht, den Handwagen einer Pflanzenverkäuferin
mit unverkennbar bolivianischen Zügen, wie ich nun selber sehe,
samt Inhalt zu beschlagnahmen. Fliegender Handel ist verboten. (Geldwechsel
auf der Straße sicher auch, aber gegen die aufdringlichen
Rufe der Dollarverkäufer am gleichen Ort unternimmt niemand
was). Gegen die Konfiszierung muss sich die Inhaberin des Wagens,
nennen wir sie Juana, gewehrt haben. Das war wohl der Auslöser
des Spektakels. Mittlerweile ist Juana in Tränen aufgelöst,
eine große Menschenmenge um sich herum. Zwischen ihr und einigen
Leuten sowie den Polizisten ist zu meiner Ankunft ein wildes Gerangel
um die Pflanzen in Gange, das immer heftiger wird. Viele Schaulustige
drum herum, Beleidigungen fliegen hin und her. Plötzlich beginnt
die Menge zu klatschen und zu singen, "haut, haut ab",
"que se vayan, que se van". Mir ist aus sprachlichen Gründen
ein Moment lang nicht ganz klar, wer gemeint ist (das "n"
war nicht so richtig rauszuhören). Klar, die bolitas
sind in Argentinien alles andere als beliebt, zumal wenn sie dort
leben, aber sollten die Argentinier tatsächlich so tief gefallen
sein und eine Ausländerin derart behandeln?
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Doch bald wird
klar: Die Menge meint die Polizisten!!! Ich kann es nicht fassen,
da stehe ich inmitten der Businnes-Community von Buenos Aires und
werde Zeuge, wie eine Gruppe von vielleicht 50 Leuten, junge und
alte, darunter Frauen im feinen Kleidchen und gestriegelte Männer
in Anzügen, für eine fliegende Händlerin aus Bolivien
Partei ergreift und gemeinsam gegen die Staatsgewalt ansingt und
-klatscht. Aber das ist erst der Anfang: Plötzlich eilen einige
der Umstehenden mit Juanas Pflanzen auf den Armen in alle Richtungen
davon. Ruckzuck ist ihr Wagen leer. Die Intention erschließt
sich mir wieder erst auf den zweiten Blick: Die Pflanzen vor den
canas, den Polizisten, retten! Fehlt nur noch der Wagen...
Der wird dann tatsächlich von einer kleinen Gruppe den Polizisten
mit Gewalt entrissen und nichts wie weg, Juana hinterher. Nochmals
großes Palaver an der Straßenecke, dann weiter. Die
canas ziehen sich nun vorerst zurück, die Menge
verläuft sich etwas. Der harte Kern der Pflanzenverteidigungstruppe,
zu dem auch ich mich mittlerweile zähle, sucht Unterschlupf
in einer Einfahrt. Da steht Juana nun mit ihrem ziemlich leeren
Wagen und weiß nicht so richtig, wie ihr geschehen ist. Einige
Frauen reden auf sie ein, beruhigen sie und nehmen sie in den Arm.
Und da kommen auch schon die Leute wieder, die mit den Pflanzen
geflüchtet waren, übergeben sie Juana, die sie wieder
sorgfältig auf ihrem Wagen verstaut. Langsam nähern sich
auch wieder ein paar Polizisten.
Aus dem Nichts
taucht plötzlich ein Reporter von Radio Mitre auf und interviewt
per Handy die Rädelsführerinnen der Pflanzentruppe, drei
Frauen in den mittleren Jahren. (Männer taten sich hervor durch
das Tragen von Pflanzen). Auch Juana wird zum Interview gebeten
(Foto, Digitalkameras in Anzugtaschenformat sind toll), seit 1988
lebt sie in Argentinien, nein, bisher eigentlich keine Probleme
gehabt etc. Mittlerweile ist die Polizei auch wieder präsent,
andere Beamte als vorhin, offensichtlich Vorgesetzte. Der Wachtmeister
erst ruhig und sachlich, die Frauen aufgebracht und alles endet
wieder in wüsten Beschimpfungen beiderseits. Dann zieht die
Staatsgewalt wieder unverrichteter Dinge von dannen. Mittlerweile
ist auch noch eine richtige Fotografin eingetroffen und der einzig
verbliebene Vertreter der Obrigkeit, Beobachter der Szenerie, wird
ob der Kamera etwas nervös ("Von welcher Zeitung bist
Du? Ist nur eine persönliche Frage...").
Allmählich
leert sich der Schauplatz des Geschehens, die Leute haben ihre Mittagspause
sowieso schon längst überzogen. Doch uns ist klar, dass
die Polizei wieder anrücken würde, sobald auch der Rest
verschwunden wäre. Also gehen wir, nun nur noch drei "Beschützer",
noch um ein paar Ecken mit. Dann können auch wir unsere Mittagspause
nicht mehr als ohnehin schon überziehen und hoffen, dass Juana
mit ihrem Pflanzenwagen gut nach Hause kommt.
Jörn
Fischer